Verkürtzt in der FAZ
FREMDE FEDERN:
Merkel, Steinmeier und das „finnische Modell“
Von René Nyberg
Aus heutiger Sicht kann man ohne Übertreibung sagen, dass Finnland nach dem Ende des Kalten Kriegs anders tickte als viele europäische Länder – Deutschland eingeschlossen. Schon der EU-Beitritt war für Finnland eine sicherheitspolitische Entscheidung; die sogenannten Friedensdividenden wurden nie überschätzt und haben die finnische Sicherheitspolitik nicht grundlegend verändert. Die Kontinuität blieb ungebrochen. Armee und militärisches Ethos überstanden Niederlage und überwältigende sowjetische Nähe. Kriegserfahrung und Geschichte blieben lebendig und spiegelten sich in einflussreicher Literatur wider.
Im September 1990 befreite sich Finnland einseitig von den Souveränitätsbeschränkungen des Pariser Friedensvertrags. Staatspräsident Mauno Koivisto erklärte die militärischen Begrenzungen für ungültig und den Deutschland betreffenden Passus im Freundschaftsvertrag für überholt. Bereits im Februar 1991 kaufte Finnland den Großteil des Arsenals der ehemaligen NVA zu Schleuderpreisen. Der Aufrüstungsschub für das Heer war gewaltig – und für die Bundeswehr eine willkommene Entsorgungslösung. Zehn Jahre später wurden die sowjetischen Panzer durch Leopard-2 ersetzt. Und als die Niederlande ihre gesamten Panzerbestände verkauften, schlug Finnland erneut zu und kaufte günstig noch einmal 100 Leopard-2-Panzer dazu. Gleichzeitig verkauften die Niederländer ihre Mehrfachraketenwerfer (MLRS) – wieder zu einem Spottpreis. Bereits 1992 fiel der Beschluss, die veralteten schwedischen Draken und sowjetischen MiGs durch F/A-18 Hornets zu ersetzen. Im Dezember 2021 fiel die Entscheidung, die Hornets vollständig durch F-35 zu ersetzen.
Die Operationspläne setzten von Anfang an auf weitreichende Waffensysteme: genau jene Systeme, die sich im Ukrainekrieg bewährt haben. Finnland rüstete also bereits lange vor der offenen russischen Feindschaft auf. Die Annäherung an die NATO entwickelte sich parallel zu Schweden, wobei die finnischen Regierungen eine „NATO-Option“ offenhielten. Das stärkste Argument gegen einen Beitritt war – neben der damals fehlenden Unterstützung in der Bevölkerung – das Risiko eines Bruchs mit Russland – bis Russland im Februar 2022 mit ganz Europa brach.
Dass Finnland als faktisch einziges europäisches Land an seinem Totalverteidigungskonzept festhält, erklärt sich nur aus Geschichte und Geographie. Neben einem entwickelten Zivilschutz stützt sich die Verteidigung auf eine ausgebildete Reserve, die sich schnell mobilisieren lässt. Der Kern bleibt die allgemeine Wehrpflicht, die nie ernsthaft infrage gestellt wurde. Die Annexion der Krim 2014 führte zu einer weiteren Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft, zur Modernisierung der Nachrichtendienste und zu gezielten Waffenkäufen. Ende 2015 schlugen alle Alarmglocken, als Russland plötzlich größere Gruppen undokumentierter Migranten gezielt über die norwegische und finnische Grenze schickte – ein klarer Vertrauensbruch, der die Notwendigkeit schneller militärischer Reaktionsfähigkeit unterstrich. Die Beziehungen zu Putins Russland waren von permanenter Spannung geprägt – oft ein Schattenboxen, bei dem vieles unausgesprochen blieb. Im Kern ging es dem Kreml darum, eine finnische NATO-Mitgliedschaft mit allen Mitteln zu verhindern und die finnische Politik durch „reflexive Kontrolle“ zu lenken.
Mit Ausnahme Finnlands haben fast alle europäischen Länder ihr konventionelles Verteidigungsvermögen vernachlässigt. Abgesehen von Frankreich und Großbritannien, die eine historische strategische Kultur besitzen, haben Länder wie Deutschland das strategische Denken weitgehend an Washington ausgelagert. Gleichzeitig haben sie das Unverrückbare der transatlantischen Beziehungen als für immer gegeben geglaubt und dabei ihren Teil der Gesamtverteidigung mit konventionellen Mitteln vernachlässigt.
Die sicherheitspolitische Kontinuität Finnlands ermöglichte schnelle, pragmatische Entscheidungen. Genau dieser Pragmatismus überraschte Schweden, als der NATO-Beitritt nach Februar 2022 plötzlich akut wurde – hinderte die beiden Länder aber nicht, den Weg gemeinsam zu gehen.
Die periphere Lage Finnlands erklärt, warum der harte Kern der finnischen Sicherheitspolitik und die Realität der Beziehungen zu Russland von außen oft falsch eingeschätzt wurden. Lange geisterte die Idee durch westliche Beratungsgremien, die finnisch-russischen Beziehungen könnten als Vorbild oder sogar als Lösung für die Ukraine dienen. Selbst ausgewiesene Kenner wie Henry Kissinger plädierten dafür. In seinen kürzlich erschienenen Memoiren erzählt Präsident Sauli Niinistö, dass sich Kissinger später persönlich bei ihm für diese falsche Analogie entschuldigt habe. Niinistö erwähnt aber auch deutsche Vorstöße in diese Richtung – sowohl aus dem Umfeld Angela Merkels als auch von Mitarbeitern Frank-Walter Steinmeiers wurde das „finnische Modell“ gegenüber Niinistös Beratern ins Spiel gebracht. Sicherlich waren das Gedankenspiele auf der Suche nach einem Ausweg aus der drohenden Eskalation. Dennoch offenbaren sie eine erstaunlich oberflächliche Analyse der Realitäten eines EU-Partners.
Der Autor war Botschafter Finnlands in Deutschland und in Russland.
Der Text unverkürtzt
Man könnte sehr weit in die Geschichte zurückgreifen, aber es genügt bereits, an Martin Luther zu denken. Ich habe in Russland manchmal gescherzt, Martin Luther sei der wichtigste Finne aller Zeiten. Nicht alle, aber doch manche haben das sehr wohl verstanden. Die Reformation hat die Bande zwischen der schwedisch-dänischen Welt und Norddeutschland nachhaltig geprägt – kulturell wie wirtschaftlich – und zugleich die Grenze zur russischen Welt akzentuiert. Diese Grenze wurde auch durch die hundert Jahre finnischer Autonomie im Russischen Kaiserreich nicht verwischt. Deutsch blieb bis in die 1950er-Jahre hinein im gesamten Norden die erste Fremdsprache.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs schmiedete der deutsche Generalstab Pläne, das Russische Reich von innen zu zersetzen. In diesem Zusammenhang wurde die Bitte finnischer Aktivisten um militärische Ausbildung für finnische Freiwillige positiv beschieden. Die Ausbildung von knapp 2.000 Finnen war ein hochriskantes Spiel: Als Untertanen des russischen Zaren begingen die jungen Männer Landesverrat. Die als „Jäger“ bekannt gewordenen Offiziere prägten später maßgeblich die im Bürgerkrieg 1918 entstandene finnische Armee und stellten zwei Jahrzehnte später die Generalität unter Marschall Mannerheim.
Die Idee und der Parlamentsbeschluss im Herbst 1918 – kurz vor dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs –, einen deutschen König für Finnland zu wählen, ist im Nachhinein schwer nachvollziehbar. Eine plausible Erklärung bleibt der tiefe Schock des roten Aufstands und das bolschewistische Chaos in Sowjet-Russland. Die Intervention der Ostseedivision unter General Rüdiger von der Goltz im April 1918 entschied den Bürgerkrieg zwar nicht, verkürzte ihn aber erheblich. Von der Goltz wurde zum gefeierten Helden des „weißen“ Finnlands.
Der entscheidende Unterschied zeigte sich jedoch in der innenpolitischen Entwicklung nach dem Krieg. Die finnische Verfassung von 1919 wies Ähnlichkeiten mit der Weimarer Verfassung auf, doch die Radikalisierung der Rechten verlief anders. Die finnische Rechte orientierte sich an Mussolini und seinen Schwarzhemden, nicht an Hitlers Braunhemden. Ein Putschversuch 1932 (die Mäntsälä-Rebellion) löste sich nach einer eindringlichen Rundfunkrede des Staatspräsidenten P. E. Svinhufvud ohne Blutvergießen auf. Der Rechtsstaat festigte sich – im Gegensatz zu den baltischen Staaten und Polen, die allesamt in die Autokratie abglitten. Die radikale Lapua-Bewegung und ihre Nachfolgepartei IKL wurden marginalisiert und blieben als einzige relevante Partei außerhalb der Einheitsregierungen der Kriegsjahre. Durch die Zusammenarbeit von Sozialdemokraten und Agrarpartei (später Zentrumspartei) näherte sich Finnland dem skandinavischen Modell an. Außenpolitisch sprach man von einer „nordischen Orientierung“. 1939 war Finnland eine gefestigte parlamentarische Demokratie mit einer starken Mehrheitsregierung aus Sozialdemokraten und Agrariern. Als Stalin im Oktober 1939 zu Verhandlungen nach Moskau einlud, genoss diese Regierung das volle Vertrauen der Bevölkerung.
Hitlers Entscheidung, Finnland der sowjetischen Interessensphäre zu überlassen, löste einen tiefen Schock aus. Dass Deutschland anschließend sogar Hilfslieferungen (z. B. aus Italien) über deutsche Häfen blockierte, machte die implizite Feindseligkeit noch unverständlicher. Die als „Zwischenfrieden“ bekannte Periode nach dem Winterkrieg war von Anfang an – auch aus Moskauer Sicht – nur eine Atempause.
Der Schock der sowjetischen Aggression gegen Finnland und die deutsche Besetzung Dänemarks und Norwegens im April 1940 ließen in Schweden die Idee einer Union mit Finnland aufkommen. Das Projekt wurde sofort sowohl von sowjetischer als auch von deutscher Seite abgelehnt – obwohl die schwedischen Argumente plausibel waren: Die Außenpolitik sollte künftig von Stockholm aus bestimmt werden, um finnische Revanchegelüste zu verhindern.
Die Nachwirkungen des Winterkriegs – die Evakuierung und der Verlust Kareliens – vertieften das Gefühl der Isolation. Die unablässige sowjetische Feindseligkeit und offene Einmischung in die finnische Innenpolitik verstärkten den Eindruck, von der Welt allein gelassen zu sein. Als Deutschland im August 1940 erste Signale für mögliche Waffenlieferungen sandte, begann sich das Bild langsam aufzuhellen – auch wenn die Zukunft noch im Nebel lag.
Als de-facto-Militärbündnispartner des Großdeutschen Reiches war Finnland ein Sonderfall. Erstens unterstanden die finnischen Streitkräfte (außer in Lappland) nie dem deutschen Kommando und waren militärisch die schlagkräftigsten aller Verbündeten, zweitens war das Bündnis nie ideologisch motiviert. Trotz totaler Abhängigkeit von deutschen Waffen- und Lebensmittellieferungen blieb der deutsche Einfluss auf das politische Leben der weiterhin funktionierenden parlamentarischen Demokratie begrenzt. Das bekannteste Beispiel ist die Sicherheit der kleinen jüdischen Gemeinde Finnlands, die nie infrage gestellt wurde.
Der Entschluss, einen Separatfrieden mit der Sowjetunion anzustreben und damit mit Deutschland zu brechen, lag nach Stalingrad in der Luft, konnte aber erst im August 1944 umgesetzt werden. Die sowjetische Großoffensive im Juni 1944 war noch mit entscheidender deutscher Unterstützung gestoppt worden. Da Deutschland inzwischen so geschwächt war, dass eine deutsche Vergeltung nicht mehr zu befürchten war, fiel der Beschluss, Waffenstillstandsverhandlungen mit der Sowjetunion aufzunehmen. Es folgte der dritte Krieg Finnlands – diesmal gegen die Wehrmacht in Lappland.
Im Unterschied zu Deutschland hat Finnland einen „gerechten“ Krieg verloren – weil es angegriffen worden war. Nach dem Zerfall der Sowjetunion brachte ein russischer Schriftsteller die historische Konsequenz auf den Punkt: „Wir haben gesiegt, aber ihr habt gewonnen.“
Entscheidend für die Zukunft war, dass Finnland nicht besetzt wurde und seine Institutionen – einschließlich der Armee – erhalten blieben. Deutschland jedoch blieb für Jahrzehnte eine Hypothek. Sowohl im Pariser Friedensvertrag 1947 als auch im Freundschafts-, Beistands- und Zusammenarbeitsvertrag (FCMA) von 1948 wurde Deutschland als potenzielle militärische Bedrohung festgeschrieben. Das blockierte und verzögerte vieles. Zwar entwickelten sich rege Handelsbeziehungen mit der Bundesrepublik, doch Finnland gehörte zu den wenigen Staaten, die weder zu Bonn noch zu Ost-Berlin diplomatische Beziehungen unterhielten – ein Balanceakt, der bis Anfang der 1970er-Jahre andauerte. Erst das Viermächte-Abkommen über Berlin 1971 ermöglichte die Befreiung aus diesem Dilemma.
Obwohl Finnland sich mit Stalins Nachfolgern arrangieren musste, hat es keinen einzigen europäischen Integrationsschritt verpasst – bis hin zum EU-Beitritt 1995. Einen gewissen Preis musste es dennoch zahlen: Der abwertende Begriff „Finnlandisierung“ blieb lebendig, heute vor allem als politikwissenschaftlicher Terminus, aber immer noch als Verunglimpfung des guten Namens Finnlands und seiner Außenpolitik. Dabei wird übersehen, dass die KSZE-Schlussakte von 1975 in Helsinki ein Meilenstein der finnischen Emanzipation war.
Aus heutiger Sicht kann man ohne Übertreibung sagen, dass Finnland nach dem Ende des Kalten Kriegs anders tickte als viele europäische Länder – Deutschland eingeschlossen. Schon der EU-Beitritt war für Finnland primär eine sicherheitspolitische Entscheidung; die sogenannten Friedensdividenden wurden nie überschätzt und haben die finnische Sicherheitspolitik nicht grundlegend verändert.
Die Kontinuität blieb ungebrochen. Armee und militärisches Ethos überstanden Niederlage und überwältigende sowjetische Nähe – oder, wie der schwedische Historiker Krister Wahlbäck es nannte, „den Atem des Riesen“. Kriegserfahrung und Geschichte blieben lebendig und spiegelten sich in einflussreicher Literatur wider.
Die Aufrüstung begann zögerlich. Doch bereits bei den ersten Waffenkäufen aus der Sowjetunion und Großbritannien wurde festgelegt, dass ausländische Militärberater nicht willkommen seien. Finnische Offiziere wurden stattdessen zur Ausbildung in die Lieferländer geschickt.
Die sicherheitspolitische Konstellation Nordeuropas wurde oft als „Nordische Balance“ beschrieben. Aus sowjetischer Sicht hing diese Balance entscheidend am neutralen Status Schwedens. Damit behielt Schweden für die finnische Sicherheit eine Schlüsselrolle und diente als Kernargument gegen russische Avancen. Mit Blick auf den FCMA-Vertrag formulierte der norwegische Historiker Nils Ørvik die Logik der finnischen Verteidigung treffend als „Verteidigung gegen Hilfe“.
Im September 1990 befreite sich Finnland einseitig von den Souveränitätsbeschränkungen des Pariser Friedensvertrags. Staatspräsident Mauno Koivisto erklärte die militärischen Begrenzungen für ungültig und den Deutschland betreffenden Passus im FCMA-Vertrag für überholt. Bereits im Februar 1991 kaufte Finnland den Großteil des Arsenals der ehemaligen NVA zu Schleuderpreisen: Panzer, Artillerie, riesige Munitionsmengen. Der Aufrüstungsschub für das Heer war gewaltig – und für die Bundeswehr eine willkommene Entsorgungslösung. Zehn Jahre später wurden die sowjetischen Panzer durch 124 Leopard-2-Panzer aus Deutschland ersetzt. Und als die Niederlande ihre gesamten Panzerbestände verkauften, schlug Finnland erneut zu und kaufte günstig noch einmal 100 Leopard-2-Panzer dazu. Gleichzeitig verkauften die Niederländer ihre gesamten Mehrfachraketenwerfer (MLRS), 14 Systeme – wieder zu einem Spottpreis. Bereits 1992 fiel der Beschluss, die veralteten schwedischen Draken und sowjetischen MiGs durch 64 amerikanische F/A-18 Hornets zu ersetzen. Damit entwickelte sich die finnische Luftwaffe zu einer der stärksten Europas. Im Dezember 2021 fiel die Entscheidung, die Hornets vollständig durch 64 Mehrzweckkampfflugzeuge F-35 zu ersetzen.
Die Operationspläne setzten von Anfang an weitreichende Waffensysteme voraus – Luft-Boden-Raketen für die Hornets, Raketenartillerie und Marschflugkörper mit großer Reichweite: genau jene Systeme, die sich im Ukraine-Krieg bewährt haben. Finnland rüstete also bereits lange vor der offenen russischen Feindschaft zielstrebig auf.
Eine Nato-Mitgliedschaft wurde jahrelang als „logischer nächster Schritt“ bezeichnet. Doch Finnland war nie schutzlos und fühlte sich militärisch nicht unmittelbar bedroht. Die Annäherung an die Nato entwickelte sich parallel zu Schweden, wobei die finnischen Regierungen eine „Nato-Option“ offen hielten. Das stärkste Argument gegen einen Beitritt war – neben der damals fehlenden Unterstützung in der Bevölkerung – das Risiko eines Bruchs mit Russland – bis Russland im Februar 2022 selbst mit Finnland und ganz Europa brach.
Dass Finnland als faktisch einziges europäisches Land an seinem bewährten Totalverteidigungskonzept festhält, erklärt sich nur aus Geschichte und Geografie. Neben einem hochentwickelten Zivilschutz stützt sich die Verteidigung auf eine große, gut ausgebildete Reserve, die sich schnell mobilisieren lässt. Der Kern bleibt die allgemeine Wehrpflicht, die nie ernsthaft infrage gestellt wurde und breite gesellschaftliche Unterstützung genießt. Die Annexion der Krim 2014 führte zu einer weiteren Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft, zur Modernisierung der Nachrichtendienste und zu gezielten Waffenkäufen.
Ende 2015 schlugen alle Alarmglocken, als Russland plötzlich größere Gruppen undokumentierter Migranten gezielt über die norwegische und finnische Grenze schickte – ein klarer Vertrauensbruch, der die Notwendigkeit schneller militärischer Reaktionsfähigkeit noch einmal unterstrich.
Die Beziehungen zu Putins Russland waren von permanenter Spannung geprägt – oft ein Schattenboxen, bei dem vieles unausgesprochen blieb. Im Kern ging es dem Kreml darum, eine finnische Nato-Mitgliedschaft mit allen Mitteln zu verhindern und die finnische Politik durch „reflexive Kontrolle“ zu lenken.
Mit Ausnahme Finnlands haben fast alle europäischen Länder ihr konventionelles Verteidigungsvermögen vernachlässigt. Abgesehen von Frankreich und Großbritannien, die eine historische strategische Kultur besitzen, haben Länder wie Deutschland das strategische Denken weitgehend an Washington ausgelagert. Gleichzeitig haben sie das Unverrückbare der transatlantischen Beziehungen unter dem amerikanischen Kernwaffenschirm als für immer gegeben geglaubt und dabei ihren Teil der Gesamtverteidigung mit konventionellen Mitteln vernachlässigt.
Die sicherheitspolitische Kontinuität Finnlands ermöglichte schnelle, pragmatische Entscheidungen. Genau dieser Pragmatismus überraschte Schweden, als der Nato-Beitritt nach Februar 2022 plötzlich akut wurde – hinderte die beiden Länder aber nicht, den Weg gemeinsam zu gehen. Die periphere Lage Finnlands erklärt, warum der harte Kern der finnischen Sicherheitspolitik und die Realität der Beziehungen zu Russland von außen oft falsch eingeschätzt wurden. Lange geisterte die Idee durch westliche Beratungsgremien, die finnisch-russischen Beziehungen könnten als Vorbild oder sogar als Lösung für die Ukraine dienen. Selbst ausgewiesene Kenner wie Zbigniew Brzezinski und Henry Kissinger plädierten dafür. In seinen kürzlich erschienenen Memoiren erzählt Präsident Sauli Niinistö, dass sich Kissinger später persönlich bei ihm für diese falsche Analogie entschuldigt habe. Niinistö erwähnt, aber auch deutsche Vorstöße in diese Richtung – sowohl aus dem Umfeld Angela Merkels als auch von Mitarbeitern Frank-Walter Steinmeiers wurde das „finnische Modell“ gegenüber Niinistös Beratern ins Spiel gebracht. Sicherlich waren das Gedankenspiele auf der Suche nach einem Ausweg aus der drohenden Eskalation. Dennoch offenbaren sie eine erstaunlich oberflächliche Analyse der Realitäten eines EU-Partners und (heutigen) Nato-Alliierten.