Besuch des Ausschusses für Kultur und Medien des deutschen Bundestages
in Helsinki 20. Oktober 2026
„Verrat, Euphorie, Scheidung“ ist der Titel eines kürzlich erschienenen Buches eines renommierten Historikers. Das Werk untersucht nuanciert das finnisch-deutsche Verhältnis während der Kriegsjahre und konzentriert sich dabei besonders auf die gesellschaftliche Stimmung:
- „Verrat“ – so empfand man in Finnland die deutsche Haltung während des Winterkriegs.
- „Euphorie“ folgte, als Deutschland als „Waffenbruder“ bereitstand, um Finnland bei der Rückeroberung der abgetretenen Gebiete in Karelien zu helfen.
- Die „Scheidung“ wurde schließlich 1944 vollzogen, als Finnland im Lapplandkrieg seine Waffen gegen die Wehrmacht richten musste.
Eine Demokratie ohne ideologische Affinität
Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen des Buches bleibt das Fehlen jeglicher ideologischen Affinität Finnlands zum Dritten Reich oder der nationalsozialistischen Ideologie – trotz einer tiefen historischen und kulturellen Nähe zum deutschsprachigen Raum. Finnland war der einzige Verbündete Deutschlands mit einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie, die den Krieg unbeschadet überstand – und, wie sich herausstellte, der einzige kriegstüchtige Partner an der Ostfront. Auch die kleine jüdische Bevölkerung von weniger als zweitausend Menschen blieb unangetastet. Im Gegenteil: Jüdische Offiziere und Soldaten kämpften in der finnischen Armee.
Überraschend ist das nicht: Die Anhänger der finnischen rechtsradikalen Strömung Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre trugen Schwarzhemden, keine braunen. Ihr Vorbild war Mussolini, nicht Hitler. Politisch spielten sie kaum eine Rolle und wurden endgültig marginalisiert, als die Sozialdemokraten 1937 mit der größten bürgerlichen Partei, den Agrariern, die sogenannte „Roterde-Koalition“ nach skandinavischem Vorbild bildeten. Die Kommunistische Partei war bereits seit 1930 verboten; zudem waren ihre Kader in der Sowjetunion durch Stalins Säuberungen stark dezimiert worden. Die meisten überlebenden Kommunisten saßen in finnischen Gefängnissen.
Mit dieser parlamentarisch breit abgestützten Führung verhandelte Finnland im Herbst 1939 mit Stalin – allerdings vergeblich. Stalin leitete die Verhandlungen in Moskau sechsmal persönlich. Er wollte einen Waffengang vermeiden, doch als die finnischen Gebietszugeständnisse seinen strategischen Forderungen nicht genügten, brach der Krieg aus.
Die bittere Lektion des Hitler-Stalin-Pakts
Dass Finnland im geheimen Zusatzprotokoll des Ribbentrop-Molotow-Paktes der sowjetischen Interessensphäre zugeschlagen worden war, erfuhr Helsinki bereits Ende August 1939 – zuerst aus Washington, dann aus Paris. Die totale deutsche Gleichgültigkeit gegenüber dem finnischen Überlebenskampf und die zeitweisen offen feindseligen Töne aus Berlin schockierten das Land. Deutschland verhinderte sogar die Durchfuhr italienischer Waffenlieferungen über deutsche Häfen.
Das war eine bittere Enttäuschung, denn im finnischen Bürgerkrieg 1918 hatte die deutsche Ostsee-Division eine entscheidende Rolle bei der Befreiung Helsinkis von den Roten gespielt und den Krieg maßgeblich verkürzt. Zudem waren finnische Freiwillige ab 1915 in Deutschland ausgebildet worden und bildeten das Königlich-Preußische Jäger-Bataillon Nr. 27. Diese als „Jäger“ bekannten Offiziere bildeten zwanzig Jahre später die Generalität unter Mannerheim.
Die Besetzung Dänemarks und Norwegens durch die Wehrmacht im April 1940 isolierte Schweden und Finnland fast vollständig vom freien Zugang zu den Weltmeeren. Der einzige freie Zugang war fortan der finnische Hafen Liinahamari in Petsamo. Die dortigen Nickelgruben deckten im Laufe des Krieges 70 Prozent des Bedarfs der deutschen Rüstungsindustrie.
Der deutsche Angriff auf Norwegen veranlasste Mannerheim, ein finnisches Kriegslazarett nach Norwegen zu entsenden – auch als Dank für die drei norwegischen Lazarette, die Finnland während des Winterkriegs erhalten hatte. Später sicherte Mannerheim die Durchreise der norwegischen Kronprinzessin Märtha und ihrer Kinder zum Hafen in Petsamo, von wo aus sie ein amerikanisches Schiff in die Vereinigten Staaten in Sicherheit brachte. Mannerheim war Realist und als Oberbefehlshaber die unbestrittene Integrationsfigur. Als ehemaliger zaristischer Offizier blieb sein Verhältnis zu Deutschland stets reserviert.
Der Frieden von Moskau vom 13. März 1940 nach dem Winterkrieg hieß und heißt in der finnischen Historiographie folgerichtig „Zwischenfrieden“ (välirauha), denn es war klar, dass es sich nur um eine Verschnaufpause handelte. Der neue Waffengang ab Juni 1941, diesmal an der Seite Deutschlands, wird entsprechend als „Fortsetzungskrieg“ (jatkosota) bezeichnet.
Es war auch ein Zwischenfrieden für den Kreml. Als Beweis dafür diente den Finnen die Annexion Estlands und der anderen baltischen Staaten im August 1940. Ein Versuch des sowjetischen Außenministers Molotow im November 1940 in Berlin, Hitler freie Hand gegen Finnland abzuringen, scheiterte jedoch. Ab Herbst 1940 wendete sich das Blatt: Deutschland lieferte Waffen, und Finnland erlaubte im Gegenzug deutsche Militärtransporte nach Norwegen.
Die gigantische Kraftprobe und die geteilte Front
Der neue Krieg ab 1941 war für Finnland mit einer Bevölkerung von weniger als vier Millionen Menschen eine gigantische Kraftprobe. Im Herbst 1944 demobilisierte Finnland eine Armee von 500 000 Mann. Die deutsche Wirtschaftshilfe war von ausschlaggebender Bedeutung: Sie sicherte die Versorgung mit Lebensmitteln (besonders Getreide), Kraftstoffen und Waffen.
Die über 1.300 Kilometer lange Front gegen die Sowjetunion wurde aufgeteilt. Die Wehrmacht übernahm mit ihren in Norwegen stationierten Truppen den dünn besiedelten Norden. Die finnische Armee, die nicht unter deutschem Oberkommando stand, hielt den gesamten Süden.
Die finnische Angriffsphase dauerte bis Ende 1941. Die alte Grenze in der Nähe von Leningrad wurde schnell erreicht, und bald darauf stießen die Truppen bis zum Onegasee bei Petrosawodsk und zum Fluss Swir vor. Das geplante Zusammentreffen mit der Wehrmacht blieb jedoch aus, weil der deutsche Vorstoß im Dezember 1941 bei Tichwin scheiterte. Damit behielt die Rote Armee den Zugang zum Ladogasee und die Blockade von Leningrad schloss sich nicht.
Mit der Eroberung von Petrosawodsk wurde auch die strategisch wichtige Murmansk-Bahn unterbrochen. Eine weiter nördlich verlaufende Querverbindung nach Archangelsk verhinderte jedoch die vollständige Isolation des eisfreien Hafens von Murmansk. Als sich finnische Truppen diesem neuralgischen Teil der Bahn näherten, wandte sich Churchill direkt mit der Androhung schwerer Konsequenzen an Mannerheim. Im Dezember 1941 erklärte Großbritannien Finnland schließlich den Krieg. Die Amerikaner stuften im Laufe des Krieges ihre diplomatische Vertretung in Helsinki zwar zurück, erklärten Finnland jedoch nie den Krieg.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Obwohl sich finnische Truppen beinahe in den Außenbezirken von Leningrad befanden, beteiligte sich Finnland bewusst nicht aktiv an der eigentlichen Belagerung der Stadt. Auch die Murmansk-Bahn wurde nicht endgültig gekappt. Die Wehrmacht schaffte es nicht und Mannerheim wollte es nicht.
Die Wende von Stalingrad und die Krise im Sommer 1944
Nach der deutschen Niederlage von Stalingrad Anfang 1943 war der finnischen Führung klar, dass das Land eine politische Lösung finden musste, um den Krieg zu beenden. Die sowjetischen Bedingungen waren hart und wurden von Stalin Ende 1943 auf der Konferenz von Teheran formuliert: die Wiederherstellung der Grenze von 1940, die Vertreibung aller deutschen Truppen und Reparationen.
Nur drei Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie startete die Rote Armee im Juni 1944 ihre Großoffensive gegen Finnland. Der massive Ansturm überrollte die finnischen Stellungen auf der Karelischen Landenge. Erst in der Schlacht von Tali-Ihantala nördlich von Wiborg, konnte der sowjetische Vormarsch Mitte Juli zum Stehen gebracht werden. Der beginnende Wettlauf der Roten Armee nach Berlin veranlasste Stalin schließlich, Truppen von der festgefahrenen finnischen Front abzuziehen.
Kulminationspunkt der finnisch-deutschen „Waffenbrüderschaft“
Der Sommer 1944 markierte somit den dramatischen Kulminationspunkt der finnisch-deutschen „Waffenbrüderschaft“. Angesichts der sowjetischen Offensive lieferte Deutschland wieder Waffen, insbesondere Panzerabwehrwaffen. Reichsaußenminister von Ribbentrop eilte nach Helsinki. Er drängte Staatspräsident Risto Ryti zur Unterzeichnung einer formellen Bündnisverpflichtung, da die Waffenbrüderschaft bis dahin vertraglich nie besiegelt worden war.
Um das Parlament nicht zu binden, verfasste Ryti eine persönliche Absichtserklärung in Form eines Briefes an Hitler. Darin verpflichtete er sich persönlich als Präsident, keinen Separatfrieden mit Moskau zu schließen. Der schlagkräftige deutsche Gefechtsverband Kuhlmey mit seinen Stuka-Sturzkampfbombern wurde nach Finnland verlegt.
Die Bilanz dieser Entscheidung ist eindeutig: Mit seiner Unterschrift garantierte der Staatspräsident die militärisch rettende Hilfe. Zwei Faktoren entschieden den Ausgang der Schlacht von Tali-Ihantala: die Stukas von Oberstleutnant Kurt Kuhlmey und die präzise finnische Artillerie. Gemeinsam zermürbten sie die sowjetischen Panzerverbände.
Die Scheidung und der Ausweg
Der sowjetische Großangriff war von der Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation Finnlands begleitet gewesen. Die erfolgreiche Stabilisierung der Front im Juli 1944 bot der finnischen Führung nun jedoch den politischen Spielraum, sich von den Zusagen gegenüber Berlin zu lösen.
Da die Vereinbarung mit Hitler an die Person des Staatspräsidenten gebunden war, trat Ryti von seinem Amt zurück. Sein Nachfolger wurde am 1. August 1944 der Marschall von Finnland Mannerheim.
Als Mannerheim sich am 2. September in seinem Brief an Hitler für die deutsche Hilfe bedankte, spielte vermutlich die Erfahrung einer völligen Isolation während des Winterkriegs eine Rolle für ihn:
„… die es uns gelang, doch im Verein mit den uns zu Hilfe geeilten deutschen Truppen, den feindlichen Ansturm aufzufangen. Dafür schuldet mein Volk Ihnen und der deutschen Wehrmacht tiefen Dank. (…) Aber die Rettung meines Volkes verpflichtet mich, einen schnellen Ausweg aus dem Kriege zu finden.“
Und zum Schluss äußerte er einen Gedanken, der bis heute oft zitiert wird:
„Wenn dieses Land von vier Millionen Einwohnern militärisch niedergeworfen wird, ist es außer Zweifel, dass es als selbständiger Staat von der Landkarte verschwinden und sein Volk ausgerottet oder dezimiert werden wird.“
Doch der Wunsch Mannerheims nach einem reibungslosen Abzug der deutschen Truppen aus Nordfinnland erfüllte sich nicht. Es kam zum dritten finnischen Krieg – dieses Mal gegen Deutschland.
Der Lapplandkrieg
Die über 200.000 Mann starken deutschen Truppen waren in Nordfinnland konzentriert. Das erste Blutvergießen gab es jedoch im Finnischen Meerbusen: Dort versuchte die Wehrmacht, die größte Insel Suursaari (Hogland) zu besetzen, wurde aber zurückgeschlagen. Der Versuch, einen Waffengang im Norden zu vermeiden und den Rückzug der deutschen Truppen im Einvernehmen zu verwirklichen, verursachte scharfe sowjetische Proteste.
Lappland war nicht besetzt. Die Beziehungen der finnischen Bevölkerung und der Provinzverwaltung zum deutschen Militär waren gut. Aber der Beschluss, die Wehrmacht mit Waffengewalt aus Lappland zu entfernen, und eine Landung hinter den deutschen Stellungen führte zu Kriegshandlungen. Die Vertreibung der Deutschen aus Lappland wurde zu einem bitteren Kampf und mündete in einen langwierigen Feldzug. Während des Rückzugs nach Norwegen wandten die deutschen Truppen die Taktik der verbrannten Erde an und verwandelten Lappland in Schutt und Asche. Die gesamte Zivilbevölkerung war zuvor nach Schweden evakuiert worden.
Am kommenden Freitag, dem 23. September, feiert der Spielfilm „Der Krieg in Lappland“ seine Premiere. Es ist der erste Spielfilm über den Lapplandkrieg. Eine der deutschen Hauptrollen spielt Volker Bruch
Fazit
Obwohl Finnland eine Besatzung abwenden konnte, schränkten die Bedingungen des Waffenstillstands die finnische Souveränität erheblich ein. Eine Alliierte (sowjetisch dominierte) Kontrollkommission überwachte die Einhaltung der Auflagen. Nach der Ratifizierung des Pariser Friedensvertrags 1947 verließ die Kommission das Land.
Kurz darauf schlug Stalin jedoch einen Freundschafts- und Beistandspakt vor. Mannerheims Nachfolger als Staatspräsident, Paasikivi, zögerte und lehnte eine Einladung nach Moskau ab. Stattdessen entsandte er seinen späteren Nachfolger Kekkonen zu den Verhandlungen mit Stalin. Der im April 1948 unterzeichnete Vertrag blieb bis 1992 in Kraft. Er bildete die politische Grundlage der Beziehungen, aber er war kein Militärpakt, sondern begrenzte die finnischen Pflichten auf die Verteidigung des eigenen Territoriums im Falle eines Angriffs von „Deutschland und mit ihm verbündeten Mächten“ über finnisches Gebiet.
Als Mauno Koivisto, der Nachfolger Kekkonens, in Moskau 2002 sein geschichtsphilosophisches Werk „Die Idee Russlands“ vorstellte, drängte sich einem Journalisten eine naheliegende Frage auf: Was sei denn im Gegenzug die Idee Finnlands? Ohne einen Augenblick zu zögern, brachte der finnische Altpräsident die Essenz der eigenen Nationalgeschichte in einem einzigen russischen Wort auf den Punkt: (выжить) – Überleben.
In verblüffender Symmetrie dazu steht das Bonmot eines russischen Journalisten, als er die finnische Botschaft in Moskau besuchte. Trocken resümierte er: „Wir haben gesiegt, aber ihr habt gewonnen.“ (Мы победили, но вы выиграли.)
Der ausschlaggebende Unterschied zu Deutschland bleibt, dass Finnland einen gerechten Krieg verloren hat, denn wir wurden angegriffen – und 1941 war die Revanche dafür. 85.000 Soldaten fielen, aber nur 2.000 Zivilisten kamen ums Leben – die meisten von ihnen bei den Luftangriffen auf Helsinki. Da Finnland nicht besetzt wurde, traf auch keine finnische Frau auf einen Rotarmisten.